Manfred Köhler
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Mal wieder Chemnitz –
diesmal mit offenen Augen

Für Großstädte hatte ich nie viel übrig. Zu laut, zu hektisch, zu unübersichtlich. Großteils austauschbar und hässlich. Gerade im Fall von Chemnitz schienen mir diese Vorurteile besonders berechtigt. Bekanntermaßen schlug der Krieg im Gesicht der Stadt verheerende Wunden, und der Sozialismus entstellte das, was übrig blieb, gar vollends.

Zu behaupten, dass ich die Stadt kannte, wäre übertrieben. Ich war ein paar mal dort, das erste mal kurz nach der Wende. Der Eindruck damals blieb haften und verfälschte das Bild, das sich in der jüngeren Vergangenheit bot. Höchste Zeit für eine Richtigstellung.

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Instinktiv mochte ich Chemnitz einfach nicht. Das war mir mit Gera ähnlich ergangen. Aber vor einem Jahr änderte sich meine Wahrnehmung der thüringischen Metropole radikal. Denn im März 2013 nahm ich mir einfach mal Zeit für Gera (zur Bilderseite), lief die Innenstadt konsequent Straße für Straße ab, aber vor allem besuchte ich das Städtische Museum. Zu wissen, woher eine Stadt kommt, welche Persönlichkeiten sie geprägt haben, wie sie gegründet wurde, gewachsen ist, wie ihre mittelalterlichen Ausmaße waren, wo die Stadtmauer verlief und wo die Stadttore den Graben überbrückten, all dieses Wissen ändert den Blick für die Gegenwart. Auf einmal bekommt auch das moderne Zentrum einen ganz eigenen Charakter. Man beginnt sich auszukennen, das Besondere tritt hervor, die ganze Wahrnehmung verändert sich. Und nicht nur das: Zuweilen wird aus einer Stadt, die man zuvor aus Überzeugung gemieden hat, eine Art Sehnsuchtsort.

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Ich hatte diese Gera-Erfahrung im Hinterkopf, als ich nun mal wieder Chemnitz ansteuerte, aber zunächst ging es mir um etwas anderes: Ich wollte, nach einer Stippvisite an der im Winter nur von außen zu besichtigenden Burg Rabenstein, der kleinsten Burg Sachsens, das Schlossberg-Museum besuchen. Den Schlossberg von Rabenstein aus zu finden, würde ja wohl kein Problem sein. Aber ich verfuhr mich gründlich, parkte schließlich frustriert irgendwo in der Nähe des Zentrums und fragte mich zu Fuß durch. Und genau das war mein Glück.

Ohne es zu wissen, legte ich einen uralten Weg zurück, und zwar vom Roten Turm aus, dem letzten Relikt der mittelalterlichen Stadtbefestigung, hin zum Schloss, das vor dem 16. Jahrhundert ein Kloster war. Der Weg zwischen Kloster und ummauerter Stadt führte einst über freies Feld und verband als Achse eine Art doppelte Keimzelle, um die herum die spätere Stadt Chemnitz sich entwickelt hat. Diesen Weg dann im Museum auf einem mittelalterlichen Diorama wiederzuentdecken, war ein Aha-Erlebnis.

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Ein zweites sollte folgen, als ich nach dem Museumsbesuch die Innenstadt mit offenen Augen und offenem Herzen durchstreifte. Das alte Chemnitz ist weg, und das ist ein Jammer. Aber es hat einem neuen Chemnitz Platz gemacht, das man gesehen haben muss. Die gigantischen Einkaufs- und Erlebniszentren, die das Rathaus umringen, rauben einem den Atem und lassen keinen Zweifel: Hier pulsiert eine Großstadt. Auch die Relikte des Sozialismus fügen sich nun ins Bild und haben sogar ihren besonderen Reiz.

Ohne die vorangegangene Zerstörung gäbe es das heutige Chemnitz nicht. Die Erkenntnis ist banal, wenn man sie nur liest. Aber wenn man sich mit Geschichte und Gegenwart einer Stadt gleichermaßen beschäftigt, und zwar vor Ort, versteht man sie erst als das, was sie ist: als einen lebendigen Organismus, der sich ganz zwangsläufig verändert. So sehr es das Alte zu bewahren gilt, es ist nicht zu vermeiden, dass es dennoch immer wieder weicht und Neuem Platz macht. Im untergegangenen und neu erstandenen Chemnitz begreift man das mehr als in jeder anderen Stadt.

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