Manfred Köhler
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Ausflugsziele

Lauterburg: Was ist so toll an alten Mauern?

Seit  zwei Jahren unternehme ich regelmäßig Ausflüge im Umkreis von bis zu 200 Kilometern. Da ich meist drei und mehr Besichtigungsziele ansteuere, komme ich also bisher auf rund 300 neu entdeckte Orte. Meist handelt es ich um Burgen und Schlösser, Burgruinen, Lost Places irgendwo im Wald, zuweilen Städte und darin deren Sehenswürdigkeiten und Museen. Jeden Sonntagmorgen beim Aufwachen frage ich mich, ob das heute schon wieder sein muss: so weit fahren, und meist sehe ich doch nur alte Mauerreste in irgendeinem Wald. Was bringt mir das?

Ich schreibe diese Zeilen auf einem Bänkchen inmitten der Lauterburg bei Rödental im Coburger Land. Es ist Sonntag, der 24. Juni 2012, vermutlich gegen 13 Uhr. Jetzt stelle ich mir die Frage nach dem Warum meiner Ausflugsfahrten nicht mehr. Denn dieser Moment ist zeitlos, ich bin ganz in der Gegenwart und erlebe so was wie Glück. Natürlich handelt es sich wieder nur um alte Mauern, aber die Anordnung ist einzigartig, und die Mauern allein sind es ja auch nicht, was ich wahrnehme. Die Sonne scheint mir auf die nackten Arme. Der laue Wind rauscht in den Blättern der gewaltigen Linde, die den Burghof dominiert. Krähen durchpflügen den Himmel. So wie hier ist es in diesem Augenblick nirgends anders auf der Welt. Was hier passiert ist, passierte nirgends sonst.

Und genau darum geht es: um die Geschichten, die ein Ort erlebt hat und immer noch abstrahlt. Hier, auf dem Gelände der Lauterburg, haben schon vor über 1.000 Jahren Menschen gelebt. Im Spätmittelalter schufen die Bewohner eine Blütezeit. Man baute Hopfen und Wein an, fischte Forellen und Karpfen, genoss das Fleisch von Rehen und Wildschweinen. Die Anwohner im Dorf waren Frondienstleistende, aber fanden in Krisenzeiten Schutz auf der Burg, und gemeinsame Ritterturniere und Jagden sorgten für Abwechslung. Vielleicht herrschte für damalige Verhältnisse sogar eine Art Harmonie.

Der 30jährige Krieg hat alles zerstört, die gesellschaftliche Ordnung, die Existenz der meisten Menschen und die Burg. Im 18. Jahrhundert gab es noch mal einen geplanten Neuanfang. Erbaut wurde ein wuchtiges Schloss mit 169 Fenstern, aber Erbstreitigkeiten brachten noch vor der Fertigstellung den Niedergang. 1959 wurde die Bauruine gesprengt.
Das alles geht mir durch den Kopf, es prägt diesen Sonntag. Dieser Ort und seine Geschichte haben meine Vorstellungskraft erweitert, ich bin gewachsen. Genauso ist es jeden Sonntag, und deshalb mache ich diese Ausflüge. Die Bilder und Geschichten gehen mir nie mehr aus dem Kopf, sie strukturieren meinen Lebenslauf und bereichern mein Wissen. Das Leben an den Werktagen rauscht meist vorbei und verschwindet spurlos in der Vergangenheit; die Ausflugstage sind unvergesslich.

Die Geschichten, die von den besuchten Orten an mir hängenbleiben, lassen in mir eine Ahnung vom Gesamteindruck dessen entstehen, was man Geschichte nennt. Mein Besuch ist nun ein winziger Teil der Geschichte eines jeweiligen Ortes, verknüpft ihn mit meiner Lebensgeschichte, trägt so mein Leben in die Welt hinaus und verbindet es mit der Vergangenheit.

Ich weiß, wo ich heute noch hin will, ich weiß, dank Wikipedia, was mich dort ungefähr erwartet. Der Eindruck vor Ort wird dann ähnlich und doch ganz anders sein. Wie der Tag insgesamt verlaufen wird, werde ich erst morgen wissen. Ich werde mich daran erinnern, wie schön es war, und mich auf den kommenden Ausflug freuen. Ich werde dann wieder nicht aufbrechen wollen, es doch tun und froh drum sein. Und das ist auch das Einzige, was an diesen Sonntagen gleich ist, so völlig unterschiedlich sie auch jeweils verlaufen: Ich denke vorher: So schön wie letztes Mal kann es nicht werden - und das wird es auch nicht. Es wird ganz anders und auf seine ganz eigene Weise schön. Unterwegs denke ich dann: Das alles, was hier an diesem fremden Ort abläuft, hätte ich verpasst. Das Gefühl, das damit einhergeht, kann man nicht beschreiben, aber indem man begreift, wie viel an Weltgeschehen man sich entgehen lässt, wenn man nicht zumindest gelegentlich in die Welt hinaus geht, wird einem vor Augen geführt, wie erweiterungsfähig die Jahrzehnte sind, die einem geschenkt werden. Man muss sich nur immer wieder dazu überwinden, über den gewohnten Alltag hinauszuschauen.

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